Brandneuer Theatertext „Media Divina“ – hier direkt downloadbar

Januar 23rd, 2014 § Kommentare deaktiviert für Brandneuer Theatertext „Media Divina“ – hier direkt downloadbar § permalink; Autor: Ulf Schmidt

Hier können Sie sich meinen neuen Text „Media Divina“ direkt und kostenlos herunterladen.

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„Das Prinzip Jago“ und Fakenews in Essen

März 12th, 2017 § 1 comment § permalink; Autor: Ulf Schmidt

Interessant an der Berichterstattung der letzten Stunden ist weniger, was in Essen bei der Schließung des Einkaufszentrums „Limbecker Platz“ wirklich stattgefunden hat. Interessant ist die Berichterstattung selbst – und die Frage, was denn eigentlich berichtet und herausgefunden werden kann, solange der Polizei entweder noch nicht bekannt oder zumindest von der Polizei noch nicht zweifelsfrei verlautbart ist, was die Situation ist. Was also die „Sache“ ist, was die Fakten sind, die berichtet und interpretiert werden können.

Es gab eine konkrete Anschlagsplanung?

SpiegelOnline ist im Rennen um die schnellste Exklusivmeldung immer mit am Start – und weiß deswegen mitzuteilen:

Überschrift: Deutscher Dschihadist soll Terrorgruppe mit Anschlag beauftragt haben

Heißt: SpON setzt in der Überschrift als gesicherte Tatsache voraus,

  • dass ein konkreter Anschlag bevorstand,
  • dass dieser terroristische Motivation hatte
  • und von einer Gruppe von Tätern ausgeführt werden sollte.

Als nicht gesicherte, aber doch so wahrscheinlich zutreffende Tatsache, dass sich darüber berichten lässt, wird vermeldet,

  • dass es einen Auftrag für den Anschlag gegeben hat,
  • der von einem Islamisten/Dschihadisten gegeben wurde,
  • der zudem deutscher Staatsbürger ist.

Eine einzige Headline – viele Faktenbehauptungen. Oder sollte das „soll“ ein Hinweis darauf sein, dass sämtliche aufgelisteten Faktenbehauptungen ungesichert sind? Eine Kurzform der Formulierung: Falls es in Essen einen Anschlagplan gegeben hat, der von einer Terrorgruppe ausgeführt werden sollte, dann wurde dieser von einem deutschen Dschihadisten beauftragt? Formallogisch wäre diese Aussage schwer zu falsifizieren. Allerdings wäre sie blödsinnig. Eine Meldung, in der sowohl die Existenz des Anschlagsplans wie auch die Beauftragung oder gar die Existenz eines bestimmten auftragsbefähigten Dschihadisten spekulativ und nicht gesichert ist, wäre keine Meldung sondern Humbug. Entweder steht als gesichertes Faktum ein Dschihadist, für den die Beauftragung eines Anschlags Spekulation ist (Hat er…?) oder der Auftragsplan ist das Faktum und der Dschihadist spekulativ (Wer hat…?) Aber einen spekulativen Dschihadisten einen spekulativen Anschlag planen zu lassen ist … in dieser Form so lange Fake-News wie nicht zumindest eine der beiden Faktenbehauptungen tatsächlich zuverlässig belegbar ist.

Das hindert SpOn nicht an der Vertiefung und Kolorierung der „Meldung“:

  •  „Kam der Auftrag zu einem Anschlag auf das Essener Einkaufszentrum aus Syrien?“
  • „Die Ermittler könnten einen verheerenden Anschlag im Einkaufszentrum „Limbecker Platz“ verhindert haben“
  • „Laut dpa sollte ein Teil der Gruppe aus dem Ausland anreisen.“
  • „Den Berichten zufolge stammt der mögliche Auftraggeber aus Oberhausen und ist Mitglied der salafistischen Szene.“
  • „Laut „Bild“ habe er das Kommando zum Anschlag offenbar im Auftrag der IS-Führung gegeben.“

Und so weiter. Aber was wenn es diesen Anschlagsplan gar nicht gab? Nicht von einem Dschihadisten beauftragt? Nicht aus Syrien? Nicht von einer Gruppe? Nicht verheerend? Nicht von der IS-Führung?

Es gab keine konkrete Anschlagsplanung?

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Interessant nun an dieser gegen 16 Uhr  erschienen Meldung (hier der verlinkte Artikel) ist, dass es – laut Bonner Generalanzeiger – „keine konkreten Vorbereitungen auf einen Anschlag“ gab. Was wiederum vom zuständigen NRW-Innenminister verlautbart wurde. Das kann nun zu Fragen an die Polizei führen, die hier aber weniger interessant sind – weil diejenigen, die diese Fragen zu stellen hätten, Journalisten wären. Und diese Journalisten mit der Aufklärung eines Sachverhalts zu beauftragen. an deren Verdunkelung sie erheblich beteiligt waren, ist relativ kurios. Weswegen hier also die Frage an die die Pressemitarbeiter selbst zu gehen haben. Die da lautet:

Wie kann es sein, dass über einen konkreten Anschlagsplan inklusive Hintergrund-Details als gesicherte Tatsache berichtet wird, den es offenbar nicht gab? Der Vorwurf lautet dabei nicht, dass über die Essener Situation (Sperrungs Einkaufszentrum) berichtet wurde. Der Vorwurf lautet dahingehend, dass als Faktum berichtet wurde, was offenbar (noch) nicht faktisch war: dass es einen Anschlagsplan gab. Berichtbare Fakten waren offenbar: Das Einkaufszentrum wurde von der Polizei gesperrt. Die Polizei gibt als Grund Hinweise auf einen bestehenden Anschlag an.

SpOn ist es offenbar zu langweilig, die „Entwarnungs“-Meldung auch nur ansatzweise in vergleichbarer Prominenz zu bringen. Für den eiligen SpOn-Leser bleibt im Raume und Gedächtnis stehen: Es gab den Plan für einen verheerenden Anschlag in Essen, der von einem deutschen Dschihadisten beauftragt und von der mutigen und gut informierten Polizei verhindert wurde. Womit sich anschließend Sicherheitspolitik machen lässt.

Es gab keine und eine konkrete Anschlagsplanung?

Der General-Anzeiger wiederum entscheidet sich in dieser Situation für Schizophrenie: Nachdem verkündet wird, dass es keinen Anschlagsplan gab, fährt derselbe Artikel fort, als habe es diesen Anschlagplan doch gegeben:

Laut NRW-Innenminister Ralf Jäger stand in Essen kein unmittelbarer Anschlag bevor…. Mutmaßlicher Drahtzieher soll nach dpa-Informationen aus Sicherheitskreisen ein deutscher Kämpfer der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) sein. Er soll von Syrien aus per Internet-Messenger mehrere Personen direkt kontaktiert und versucht haben, sie für einen Angriff auf das Einkaufszentrum zu motivieren. Ein Teil der mutmaßlichen Tätergruppe soll sich in Deutschland befunden haben, ein anderer Teil sollte aus dem Ausland anreisen.

Der Einsatz wurde inzwischen beendet, doch die Ermittlungen zu den aufgeflogenen Anschlagsplänen gehen weiter. Die Polizei bleibe wachsam, betonte ein Sprecher.(Quelle; Fettungen von mir)

Der nicht existente Plan hatte also einen Drahtzieher, der zum IS gehört und in Syrien sitzt, für den eben als nicht existent gemeldeten Plan steht eine Tätergruppe. Und diese nicht-existenten Anschlagspläne sind aufgeflogen. Verehrte GA-Journalisten: Gibt es jetzt einen Plan, der aufgeflogen ist (und der Beginn des Artikels ist falsch) oder gibt es keinen Plan und die Ausführungen über den Plan sind falsch? Und was genau ist der Unterschied zwischen Falschmeldung aus journalistischer Schlampigkeit und Fake-News?

Fazit

Hat es einen Plan gegeben? Wer weiß es? Wer weiß, was die Polizei weiß? Wer weiß, was die Polizei vermutet? Wer vermutet, was sie Polizei weiß? Wer vermutet, was die Polizei vermutet? Wer vermutet, was die Polizei über einen vermutlichen Anschlag vermutet? Wer weiß schon, was Fakten sind? Wozu auf Fakten warten,w wenn es zu berichten gilt? Oder wie es im „Prinzip Jago“ heißt:

Sei schnell. Warte nicht. Zögere nicht. Denk nicht. Berichte! Was reinkommt geht raus – bevor andere es senden. Lieber einmal mehr Konjunktiv , als zweimal zu spät. Soll Allahu Akbar gesagt haben, könnte bedeuten, dass der IS dahinter steckt laut unbestätigten Angaben ein illegaler Migrant, aus gut informierten Kreisen ist zu hören, dass die Polizei ihn im Visier hatte, Experten sagen, dass das Muster zum IS passt – das reicht völlig, um uns gegen den Vorwurf der Falschmeldung zu verteidigen, machen alle so, müssen wir also auch. Kapiert? (Hier der Volltext als PDF)

 

Die Tagesschau vom 8.10.2016 und Das Prinzip Jago [Updated]

Oktober 9th, 2016 § Kommentare deaktiviert für Die Tagesschau vom 8.10.2016 und Das Prinzip Jago [Updated] § permalink; Autor: Ulf Schmidt

In der Mitte des vierten Aktes trägt in „Das Prinzip Jago“ der neu ernannte Nachrichten-Redakteur Ben „Bleiben Sie auf dem rechten Weg“ Sützl seine Leitlinien für die Nachrichten der Zukunft vor. Und eine Woche nach der Essener Uraufführung geriert sich die Tagesschau anlässlich eines Vorfalles in Chemnitz, als wolle sie direkt mit der Umsetzung beginnen.

Hier ein Auszug aus » Weiterlesen «

Das Prinzip Jago – Text-Download, Trailer, Kritiken

Oktober 9th, 2016 § 1 comment § permalink; Autor: Ulf Schmidt

Wer sich für das Arbeitsergebnis des Essener Writers Rooms, den Stücktext von „Das Prinzip Jago“ interessiert, kann ihn hier direkt und in voller Länge als PDF herunterladen: Download-Link via Webseite des Schauspiel Essen.

Einen kleinen Eindruck von der Inszenierung vermittelt der Trailer des Schauspiel Essen:

Einige Kritiken:

In Theater Heute 10/2016 ist zudem ein Interview mit den Beteiligten des Essener Writers Room Volker Lösch, Vera Ring, Oliver Schmaering und mir zu lesen. Der Artikel ist hier (kostenpflichtig) online zu finden. Oder in der Oktober-Printausgabe.

Writers Room Projekt am Schauspiel Essen: „Das Prinzip Jago“

Mai 12th, 2016 § 1 comment § permalink; Autor: Ulf Schmidt

Bereits seit Ende Februar 2016, also seit drei Monaten, ist am Schauspiel Essen ein Writers Room Projekt am Start, an dem ich beteiligt bin: zusammen mit dem Regisseur Volker Lösch, der Essener Chefdramaturgin Vera Ring und dem Theater- und Drehbuchautoren Oliver Schmaering entsteht eine Arbeit mit dem Titel „Das Prinzip Jago“ nach Motiven aus „Othello“ von Shakespeare. Keine Stückbearbeitung, keine Übersetzung, keine Modernisierung, sondern ein von vorne bis hinten neu geschriebener Text mit eigener Handlungs- und Szenenstruktur. In einem Writers Room, der Schreiber, Regie, Dramaturgie, zeitweise auch Bühnenbild (Carola Reuther) und demnächst eventuell noch weitere Kompetenzen versammelt, um gemeinsam an einem Gemeinsamen zu arbeiten. Die Uraufführung wird am 1.10.2016 am Schauspiel Essen sein.

Worum es bei „Das Prinzip Jago“ gehen soll und wird, ist auf der Webseite des Theaters seit heute zu lesen. Unter diesem Link.

Mein Plädoyer für Writers Rooms an Theatern ist auf nachtkritik zu finden, hier.

Wer sich für diese Arbeitsweise interessiert und sie ausprobieren möchte, kann sich für einen soeben ausgeschriebenen Writers Room an den Wiener Wortstätten bewerben. Die Ausschreibung ist hier zu finden.

Und wer 8 Minuten Zeit hat, sich anzusehen, wie in einem Zeitraum von gut zwei Wochen (!) eine (!) Episode von Breaking Bad entstand, der kann hier schauen:

Hubschraubergeld – oder das Paradox des zweibeinigen Kapitalismus

April 14th, 2016 § Kommentare deaktiviert für Hubschraubergeld – oder das Paradox des zweibeinigen Kapitalismus § permalink; Autor: Ulf Schmidt

Der Begriff geistert ein wenig durch die Wirtschaftsnachrichten seit einiger Zeit: Hubschraubergeld. Marcel Fratzscher findet das Konzept erwägenswert. Mario Draghi bezeichnete es als „sehr interessant“. Die Idee ist Jahrzehnte alt und stammt vom Alt-Neoliberalen Milton Friedman (gelegentlich auch von US-Notenbankern wie Bernanke ins Spiel gebracht): Wenns in einer neoliberalen Wirtschaft mal nicht brummt soll einfach von der Notenbank (oder dem Staat) Bargeld unter den Bürgern verteilt werden, damit diese kaufen gehen, Umsätze und Gewinne, sowie volkswirtschaftliche Wachstumsraten und Inflation steigern. Neoliberale, die etwas zu verschenken haben – und dann auch noch gleich Geld. Parbleu.

Kapitalismus – das zweibeinige Monster

Dem Sozialismus drohen die Unternehmer auszugehen – dem Kapitalismus die Kunden. Sozialismus tendiert zur Selbstzerstörung – Kapitalismus auch. Ob Kapitalismus das beste, sinnvollste, humanste, ökologischste Wirtschaftssystem ist, ist eine Frage, die sich trefflich diskutieren lässt. In den letzten Jahrzehnten war die politische Antwort: eher ja. Und man versuchte es mit einer immer weniger sozialen Form von Marktwirtschaft, die immer deutlicher (sei Thatcher, Reagan, Kohl/Schröder/, Blair usw.) zur Reinform jenes Neoliberalismus wurde, den Hayek, der wirtschaftsreligiöse Gegenspieler von Keynes, seit den 20er Jahr predigte. Die neuerdings recht lautstark auftretende „Alternative für Deutschland“, die Vereinigung rechtsblinkender Geisterfahrer, die neben einem mit Rassisten, Chauvinisten, Neonationalisten und Neofaschisten flirtenden Deutschtum vor allem der politische Arm der stramm national-neoliberalen Hayek-Gesellschaft darstellt, bietet nunmehr mit ihrem Programmentwurf eine Art Extremform des Ultra-Neoliberalismus. Und wird, gewinnt sie Einfluss, damit zum Totengräber eben jenes neoliberalen Turbokapitalismus, den sie doch eigentlich zur Realexistenz führen will.

Der Kapitalismus in der Form, die im 19. Jahrhundert entstanden ist, mag ein Monster sein – es ist aber ein zweibeiniges Monster. Das rechte Bein war eine (wie auch immer geartete) liberale Wirtschaftspolitik, der als linkes Bein die Sozialpolitik dient. Auch für den Kapitalismus gilt: auf einem Bein kann man nicht stehen. Eine Wirtschaft, die nur aus profitorientierten Unternehmern besteht kann ohne konsumfähige Kunden nicht bestehen. Diese wurden von der Sozialdemokratie und den Gewerkschaften geliefert. Der vordergründige Kampf um Löhne und soziale Absicherung ist zugleich ein Kundenbeschaffungsprogramm für kapitalistische Volkswirtschaften. Die Rentenversicherung sorgt dafür, dass auch im höheren Alter Menschen noch Kunden sind. Die Krankenversicherung sorgt dafür, dass Kranke nicht aus dem Konsum fallen. Die Arbeitslosenversicherung stellt sicher, dass auch Menschen, die kein Einkommen haben, noch immer im Supermarkt für Umsatz sorgen. Streicht man, wie es das Programm der AfD andeutet, diese Leistungen zusammen, fallen Konsumenten weg. Fällt Kaufkraft weg.

Das kapitalistische Problem mit der Ungleichheits-Schere

Steigen die Löhne – wie in den letzten beiden Jahrzehnten – real nicht, ist es kaum zu erwarten, dass die Kaufkraft steigt bzw. bei vorhandener Inflation ist gar zu erwarten, dass die Kaufkraft real insofern sinkt, als die Menschen/Kunden für ihr Geld weniger oder niederpreisigere Güter konsumieren. Woher soll das Wachstum kommen, wenn ein Großteil der Bevölkerung nicht mehr kaufen kann, sondern eher weniger? Die Einkommens- und Vermögenszunahme am oberen Rand hilft nicht: Die Automobilwirtschaft in einem neoliberalen Kapitalismus, in dem nur noch Bentleys, Bugattis, Rolls Royce, S-Klassen und 7er gekauft werden, funktioniert nicht. Irgendwann hat jeder einen (und zwar eben wenige), kauft sich bei wachsendem Vermögen vielleicht einen oder zwei weitere. Wenn aber das gesamte Käufersegment der Kleinwagen sich reduziert, die für die Umsatzmasse sorgen – hilft das alles nichts. Kein Kapitalismus kann damit funktioneiren, dass sich ein paar Handvoll Superreicher gegenseitig Luxusjachten verkaufen.

Man kann dann zweierlei tun: Die Preise im unteren Segment reduzieren (faktisch also eine deflationäre Bewegung!). Dafür müssen Kosten gespart werden – am besten Lohnkosten. Was zum Ergebnis hat, dass zwar Preise und Löhne gesunken sind – aber der Absatz nicht daraufhin anspringt.

Oder man setzt – was Deutschland tut – auf den Export. Knapp 8% Außenhandelsüberschuss zeigen in diese Richtung (und gelten laut Europäischer Kommission als „stabilitätsgefährdend“). Heißt: Man verkauft die hier zu allzu geringen Löhnen hergestellten Produkte in andere Länder, in denen entweder höhere Löhne gezahlt werden und die nicht in dieser Abwärtsspirale begriffen sind. Oder man verlagert die Produktion ins Ausland, wo sich noch billigere Arbeiter finden lassen, sodass sich schlecht bezahlte Arbeiter hierzulande die zu noch schlechteren Löhnen produzierten Fahrzeuge leisten können. Oder Kleidungsstücke. Nur – diese Unterschiede sind offenbar nicht von Dauer. Die rechtlosen Lohnsklaven in Bangladesch oder Afrika haben zunehmend weniger Lust, mit ihrem Leben für den Konsum in Deutschland zu bezahlen. Und die Möglichkeiten, Absatzmärkte im Ausland zu finden, insbesondere solche, die kein Problem damit haben, sich wegen des deutschen Exportüberschusses zu verschulden – neigt sich auch dem Ende entgegen. Funktioniert eine Zeitlang – aber nicht ewig.

Das heißt: eine sich immer weiter spreizende Ungleichheitsschere innerhalb einer Volkswirtschaft sorgt für Absatzprobleme der Wirtschaft, die eine Zeitlang durch eine internationale Ungleichheit zu reparieren versucht werden kann. In dem Maße, wie sich diese anderen Länder aber entweder selbst ungleicher entwickeln(= auch hier Käuferrückgang)  ODER die Ungleichheit zu reduzieren versuchen (=höhere Produktionskosten im Ausland), funktioniert das nicht mehr. Der Kapitalismus schneidet sich mit der Ungleichheitsschere selbst den Hals ab.

Hubschraubergeld?

Hubschraubergeld nun ist der Gedanke, nach den untauglichen Versuchen, durch Aufpumpen des Privatbankensystems mit ca. 80 Milliarden Euro monatlich (durch Draghis Quantitative Easing-Programme), die sich als nicht tauglich erwiesen haben, das Wachstum und die Inflation zu erhöhen, an der anderen Seite anzusetzen. Draghi wollte bisher die Verschuldung von Unternehmen und Privathaushalten erhöhen, indem er den Banken frisches Kapital in nahezu unbegrenztem Maße zur Verfügung stellte und sie gleichzeitig davon abbringen wollte (durch Negativzinsen), dieses Kapital zu horten. Haut nicht hin. Banken vergeben entweder nicht ausreichend Kredite – oder es werden (ein anderes Thema – Stichwort Dienstleistungs- und Digitalökonomie) nicht hinreichende Kredite nachgefragt. Unternehmen und Konsumenten haben wenig Lust, sich zu verschulden, nachdem ihnen jahrzehntelang gepredigt wurde, Schulden seien schlecht. Macht Sinn.

Dann also ein Strategiewechsel: Statt die Bürger zu verführen, Schulden zu machen, um den Konsum anzukurbeln, gibt man ihnen » Weiterlesen «

Negative Zinsen, Bargeldabschaffung, Digitalgeld und die Blaupause des Bankgeschäfts

April 4th, 2016 § Kommentare deaktiviert für Negative Zinsen, Bargeldabschaffung, Digitalgeld und die Blaupause des Bankgeschäfts § permalink; Autor: Ulf Schmidt

Vorneweg: Banken sind sinnvolle, wahrscheinlich sogar notwendige Institutionen in allen Volkswirtschaften. Es geht also nicht darum, „die Banken“ als solche infrage zu stellen. Ebenso wenig geht es darum, aus faktisch vorliegenden Fällen von Fehlverhalten von Bankmitarbeitern die Schwierigkeiten im Banken- und letztlich Geldsystem auf „Gier“ Einzelner oder Vieler zurückzuführen, die in Banken arbeiten. Es geht um etwas Anderes, das meines Erachtens wichtiger ist. Das sich aber nur dann in den Blick bekommen lässt, wenn man die Verschiebungen in den Blick bekommt, die das Bankensystem in den letzten Jahrzehnten erlebt hat und die zu einem paradoxen, zirkulären Prozess führen, bei dem am Ende das ursprüngliche Bankgeschäft auf dem Kopf steht. » Weiterlesen «

Abbau der Sozialbürokratie – der blinde Fleck der Diskussion ums bedingungslose Grundeinkommen?

Januar 28th, 2016 § Kommentare deaktiviert für Abbau der Sozialbürokratie – der blinde Fleck der Diskussion ums bedingungslose Grundeinkommen? § permalink; Autor: Ulf Schmidt

Das Konzept des Bedingungslosen Grundeinkommens scheint an der Zeit zu sein und verspricht, in näherer Zukunft nicht nur zunehmend öffentlich diskutiert zu werden, sondern auch steigende Wahrscheinlichkeit auf Realisierung zu bekommen: es heißt gelegentlich, die kürzlich bekannt gewordene geplante Initiative der Finnischen Regierung sei ein Schritt zum Grundeinkommen. In der Schweiz wird demnächst ein Volksentscheid mit dem (angeblichen) Ziel eines Grundeinkommens abgehalten werden. In Deutschland gibt es nicht nur wachsende Initiativen und Bewegungen, die auch in den vorhandenen politischen Institutionen Gehör und Befürworter finden. Sondern es melden sich auch einflussreiche Wirtschaftsvertreter zu Wort, (Telekom, Davos), die dem Konzept etwas abgewinnen können. Es soll hier außer acht bleiben, dass „Bedingungsloses Grundeinkommen“ ein ganzen Bündel von Konzepten (hier ein recht fundierter Überblick über einige Konzepte von Ronald Blaschke aus dem Jahr 2008) umfasst, die in ihrem Umfang, ihren Auswirkungen und Zielen extrem unterschiedlich sind: zwischen neoliberalem Sozialkahlschlag und emanzipatorischer Sozialutopie. Insgesamt und aufgrund der konzeptionellen Vielfalt bleibt das BGE deswegen umstritten. Ein Element, das aber geradezu bedingungslos von allen Modellen positiv angeführt würde, ist der damit (angeblich) mögliche (weitgehende) Abbau der sogenannten Sozialbürokratie. Also jener Verwaltung, die heute für die Bewilligung und Bescheidung der Anträge zuständig ist. Dieser Bestandteil der Utopie soll hier in den Blick genommen werden – weil die ausbleibende Diskussion, ob das wünschenswert ist, ein blinder Fleck ist, der weit weniger selbstverständlich auf Zustimmung hoffen kann, befasst man sich damit.

(Captatio Benevolentiae: Nicht alle Begriffe im folgenden Text sind scharf definiert, noch werden sie in einem strengen Sinne oder in Anlehnung an bestimmten wissenschaftlichen Sprachgebrauch verwendet. Das ist ein Manko. Aber ein hoffentlich akzeptables.)

Diese Sozialbürokratie ist zweifellos nicht nur ein Ärgernis für die Hilfebedürftigen. Sie ist durch die Maßnahmen der letzten Jahre zunehmend zu einer Kontroll- und Überwachungsinstitution umgebaut worden, die die Antragsteller und Leistungsberechtigten nicht unterstützt, sondern eher kujoniert bis an der Rand der Entwürdigung durch absurde „Mitwirkungspflichten“. Das mag nicht jeder glauben, insbesondere » Weiterlesen «

Maischberger gestern – oder mit der AfD in die Argument Clinic

Januar 28th, 2016 § Kommentare deaktiviert für Maischberger gestern – oder mit der AfD in die Argument Clinic § permalink; Autor: Ulf Schmidt

Der Ablauf der gestrigen Maischberger-Sendung „Tabupartei AfD – Deutschland auf dem Weg nach rechts?“ wurde von den Mony Pythons vor über 40 Jahren hellsichtig vorgespielt. Alle Beteiligten hielten sich an das Vorbild.

Ein Auszug aus dem Dialog, der die Situation hübsch zusammenfasst:

M: I came here for a good argument!
O: AH, no you didn’t, you came here for an argument!
M: An argument isn’t just contradiction.
O: Well! it CAN be!
M: No it can’t!
M: An argument is a connected series of statements intended to establish a proposition.
O: No it isn’t!
M: Yes it is! ‚tisn’t just contradiction.
O: Look, if I *argue* with you, I must take up a contrary position!
M: Yes but it isn’t just saying ’no it isn’t‘.
O: Yes it is!
M: No it isn’t!
O: Yes it is!
M: No it isn’t!
O: Yes it is!
M: No it ISN’T! Argument is an intellectual process. Contradiction is just the automatic gainsaying of anything the other person says.
O: It is NOT!
M: It is!
O: Not at all!
M: It is!
(The Arguer hits a bell on his desk and stops.)
O: Thank you, that’s it.
M: (stunned) What?
O: That’s it. Good morning.
M: But I was just getting interested!
O: I’m sorry, the five minutes is up. Quelle

Ich bin mir nicht sicher, ob der AfD und den Rechten auf diese Weise beizukommen ist. Anders: Ich bin eher sicher, dass diese Sketche der falsche Weg sind.

In jedem Falle: Ein echtes Postdrama, wenn die „Wirklichkeit“ die „Kunst“ derart präzise nachahmt.

Das Postdrama

Januar 22nd, 2016 § Kommentare deaktiviert für Das Postdrama § permalink; Autor: Ulf Schmidt

Immer wieder verwundern sich Gesprächspartner über den Namen dieser Seite. Fragen, ob das denn auf das „postdramatische Theater“ anspiele und das doch seltsam sei, weil postdramatisches Theater doch epochal nach (also zeitlich dahinter) isoliert geschriebenen und komplett und geschlossen aufgeführten Dramen situiert sei. Es also doch seltsam sei, dass jemand, der solche isoliert geschriebenen zusammenhängenden Texte (manchen nennen diese Texte gar „Dramen“) produziere, sich an diese gegenwärtige Theaterkonzeption anschließe. Da das ja doch gerade das Gegenteil sei und sich im Übrigen postdramatische Theatermacher für alles möglich interessieren – aber sicher nicht für isoliert geschriebene zusammenhängende „geschlossene“ Texte, die ja doch „Werke“ von „Autoren“ und damit eben das Gegenteil von usw. Und ob ich denn wohl „Werke“ … und „Autor“ … wo ich doch geschrieben habe, dass …

Das ist verständlich. Der Name dieser Webseite aber nimmt nicht Bezug auf postdramatisches Theater sondern auf das Postdrama. Anfangs war die Überlegung, den Begriff „posttheatrales Drama“ einzusetzen. Das war zu lang. Und blöd. Und so wurde es das Postdrama. Das ist kürzer. An dieser Stelle mögen wortwitzgeneigte Leser sämtliche Späße mit dem „Post“-Begriff durchkichern. Das Postdrama ist der Text, der nach dem Drama kommt, das es zugleich noch ist und nicht mehr ist. „Die alte Form des Dramas ermöglicht es nicht, die Welt so darzustellen, wie wir sie heute sehen.“ (Brecht) Das ist ein Schritt.

Man könnte verlangen, das für das Postdrama ein Manifest geschrieben werde. Ich mag keine Manifeste. Deswegen hier also » Weiterlesen «

Trailer zum Schalke-Oratorium „Kennst du den Mythos…?“

September 8th, 2015 § Kommentare deaktiviert für Trailer zum Schalke-Oratorium „Kennst du den Mythos…?“ § permalink; Autor: Ulf Schmidt

Schalke TV hat einen kleinen Film mit Proben-Impressionen und Interviews produziert für die Jubiläums-Show „Kennst du den Mythos …?„, für den ich die Ehre und das große Vergnügen hatte, das Libretto zu schreiben. Sehr aufregend, die eigenen Texte so vertont zu hören und performt zu sehen. Die Musik stammt von Dieter Falk und Heribert Feckler. Für die bildstarke Kinoatmosphäre zeichnet Jan Peter verantwortlich. Regie führt Michaela Dicu. Und als Dramaturgin eine tolle Ansprechpartnerin beim Schreiben war Anna Grundmeier vom Musiktheater im Revier.

Ich bin enorm gespannt, wie es den Fans in der Veltins-Arena am kommenden Freitag gefällt. Hier gehts zum Video: » Weiterlesen «